Die Kindheit wird immer kürzer

Der Traum von einer unbeschwerten Kindheit, dem so viele Erwachsene nachhängen, ist leider ausgeträumt. Die Zeiten, da Kinder stundenlang und ohne Sinn vor sich hinspielen und trödeln durften sind vorbei. Nicht nur Erwachsene, auch Kinder zählen zur Gemeinschaft der Stressgeplagten: Sie sind im Alltag einer Vielzahl von Belastungen ausgesetzt, die ihr Wohlbefinden und ihre psychosoziale Entwicklung beeinträchtigen. In Untersuchungen berichten immer mehr Grundschulkinder über Stresserlebnisse.
Kindheit ist heute so kurz wie noch nie in der menschlichen Geschichte. Alle Entwicklungsaufgaben, die für die Kindheit charakteristisch sind, müssen innerhalb eines sehr knappen Zeitraumes durchlaufen werden. Leider verfügen die Kinder über zu geringe Stressbewältigungskompetenzen.
Gerade an den Elternabenden in den Grundschulen höre ich häufiger Berichte von Eltern, über Stresssymptome bei jüngeren Kindern. Diese Befunde bestätigen auch Petra Hampel und Franz Petermann vom Zentrum für Rehabilitationsforschung der Universität Bremen. Es sind drei mögliche Ausdrucksebenen zu unterscheiden, die psychologisch-vegetative Ebene, die sich ausdrückt durch Bauchschmerzen, Ein und Durchschlafstörungen, u.a. in Erschöpfungszuständen.
Als nächste Ebene ist zu beachten, die kognitiv-emotionale, es kann eine Beeinträchtigung des kognitiven Leistungsvermögens, Lust- und Antriebslosigkeit, sowie das häufige Auftreten von Ängsten sein. Zusätzlich zu bemerken ist die Verhaltensebene, das zeigt sich desöfteren durch körperliche Unruhe, Konzentrationsschwierigkeiten, Veränderung des Sozialverhaltens (Vermeidung, Rückzug, Isolation). Präventive Stressbewältigungs-Programme mit und ohne Elternbeteiligung lassen sich meiner Meinung nach gut in die laufenden Prozesse integrieren.
Wir sollten Kindern die Möglichkeit geben, Stressbewältiguns-Kompetenzen aufzubauen. Es gibt gute hilfreiche Strategien. Eine Stressbewältigungsvariante von Petermann, Hampel und Mönter ist das Anti-Stress-Tageblatt oder Wochenblatt. Sie nutzen die Vorteile der Tagebuchform. Protokollierte Erfahrungen helfen, die Selbsteinschätzung der Kinder kennen zu lernen. Die Tagebuchverfahren bilden eine Basis für die so genannten Selbstmodifikations-techniken der Verhaltenstherapie. So wird eine planvolle, selbstgesteuerte Verhaltens-änderung möglich.
Das AST-Programm gibt es in vier Varianten, deren folgende Bausteine sind, z.B. eine Neubewertung des Stress-geschehens, das Einüben von Entspannungsverfahren, Fertigkeitstraining für den Aufbau von Sozialverhalten , kognitive Umstrukturierung der Stress verursachenden Gedankeninhalte, das gezielte Erlernen von Problemlöse-strategien. Das AST- Training richtet sich vor allem an die Altersgruppe der 8- bis 13jährigen. So kann man unter-stützend mit „Zauberformeln“ hilfreiche Strategien mit Kindern trainieren.
Das AST für Erstklässler (zwischen sechs und sieben Jahren) ist eine besondere Hilfe. Damit kann man erste Lösungsansätze finden, Angstblockaden lösen und einen langfristigen Umgang mit den Belastungssituationen entgegen wirken. Die Angst schließt die Kreativität aus. Tägliche Misserfolgserlebnisse sollten möglichst vermieden werden.
Das Prinzip der Fehlerfreundlichkeit ist unbedingt zu beachten. In der Arbeit mit Kindern kann es folgende Möglichkeiten zur Umsetzung geben. Die Kinder erlernen, eine stark machende problemlösende Bewältigung, z.B. das sich Kinder Hilfe holen, ein Versöhnungsgespräch führen können, gemeinsam mit den Eltern ihren Tagesablauf ändern, eigene Problemlösungen finden und planen und vor allem lernen sich selber Mut zu zusprechen.
Die emotionstregulierende Bewältigung für die Kinder kann hilfreich sein, so das sie neue Strategien lernen die darauf abzielen, Gefühle der Unruhe und Aggression in den Griff zu bekommen (positive Selbstinstruktion), sich auch mal abzulenken (Spiele), sich zu entspannen (Phantasiegeschichten mit „Zauberformeln“) , z.B. Kinder-Yoga), einfach den Ärger mal rauslassen (darüber reden dürfen), die Situation umzudeuten (realistische Attribution).
Wenn ein Kind z.B. nicht hört, haben wir allen Anlass es mit der Realität, z.B. den Regeln in der Klasse zu konfrontieren. Wir haben aber auch Grund zu sehen, dass die betont zur Schau getragene Unabhängigkeit und Autonomie Ausdruck einer innerlichen Not ist, die im Laufe seiner Lebens-geschichte entstanden ist und unbewusster Ausdruck von Vertrauenslosigkeit und Einsamkeit, jedenfalls auf eine Störung der Selbstwertregulation hinweisen kann. In dieser Situation – wenn ein Kind im übertragenen Sinne nicht hört, ist dann auch zu entscheiden – ob pädagogische Mittel ausreichen oder unterstützende Psychotherapie angezeigt ist.
Das aktive Zuhören erhält hier eine besondere Bedeutung. Das klingt zunächst selbstverständlich, erweist sich in der Praxis aber oft als ausgesprochen schwierig. Auch miteinander reden ist schwierig. Nicht nur, weil wir Mühe haben, das zu sagen, was wir meinen, sondern auch deshalb, weil wir eben nur miteinander reden und nicht aufeinander hören. Das Hören wird viel zu oft vernachlässigt. Es gibt einen Unterschied zwischen Hören, Hinhören und Zuhören. Also gilt es einen Weg zu finden vom Hören, über das Hinhören, zum aktiven Zuhören. Noch komplizierter wird das Zuhören dadurch, dass die Sprechenden häufig selbst nicht so genau wissen, was sie eigentlich sagen wollen. Kinder wagen oft nicht, ihre Wünsche und Meinungen zu äußern. Oft kennen sie sie auch selbst nicht, weil sie bereits gelernt haben, die der Erwachsenen zu übernehmen. Erwachsene suggerieren Kindern häufig unbewusst: "Sei selbstständig, aber sei genau wie ich." Gespräche mit Kindern werden deshalb oft beendet, ehe das Wesentliche gesagt und verstanden ist. Grundbedingung für das Gelingen von Verstehen der Kinder ist also, ihnen genau zuzuhören und sich zu vergewissern, dass auch tatsächlich verstanden wurde, was Kinder meinen.
Vor allem aber ist Vertrauen als Grundlage jeglicher Beziehungen erforderlich, sowie wirkliches Interesse am Menschsein des Anderen, so wünsche mir, dass Schule ein Platz wird, an dem sie sich individuell entwickeln und wachsen dürfen.

copyright by Manuela Sigl

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7 Kommentare zum Beitrag
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Hartmut Stümpfel aus Sarstedt am 31.03.2009 um 18:05 Uhr  
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Manuela Sigl aus Aichach am 01.04.2009 um 15:20 Uhr  
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen am 01.04.2009 um 16:29 Uhr  
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen am 02.04.2009 um 13:47 Uhr  
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